Steuerreform und strengere Kontrollen befeuern Bargeld-Run

Die bargeldlose Abwicklung von Zahlungen ist in Russland seit Jahren auf dem Vormarsch. Der Staat investiert verstärkt in den Fintech-Sektor und baut gleichzeitig sein Steuer- und Finanzsystem aus. Umso ungewöhnlicher ist der jüngste Anstieg der Bargeldnutzung in Russland. Experten deuten dies als Reaktion der Unternehmen und Bürger auf die steigende Steuerlast und strengere Überweisungskontrollen der Behörden.

Allein im Zeitraum vom 1. bis zum 11. Mai hoben Russen 210,5 Mrd. Rubel (2,4 Mrd. Euro) Bargeld ab, dies ist ein fünffacher Anstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum, als 41,2 Mrd. Rubel (48 Mio. Euro) Bargeld verzeichnet wurden. Im April sind 607 Mrd. Rubel (6,9 Mrd. Euro) an Bargeld in Umlauf gekommen, was der höchste Wert seit 2022 war, wenn man die traditionell hohen Dezember-Werte ausklammert. Stärker gestiegen war der Bargeldumlauf zuletzt im September 2022 nach der Teilmobilmachung. Damals hob die Bevölkerung netto 930 Mrd. Rubel (10,6 Mrd. Euro) in bar ab. Im März 2026 kamen mehr als 300 Mrd. Rubel (3,4 Mrd. Euro) in den Umlauf, der höchste Wert außerhalb eines Dezembers seit 2,5 Jahren. Der Gesamtbestand an Bargeld stieg Ende April erstmals überhaupt auf mehr als 20 Bio. Rubel (230 Mrd. Euro).

Experten sehen mehrere Gründe für den Run aufs Bargeld. Dazu gehören die zunehmende Schattenwirtschaft infolge von Steuererhöhungen sowie strengere Kontrollen von Überweisungen zwischen Privatpersonen. Als weiterer Faktor gelten die Störungen des russischen Internets und die daraus entstehenden Probleme beim bargeldlosen Bezahlen. Ab dem 1. Januar wurde die Mehrwertsteuer in Russland von 20% auf 22% angehoben. Dies belastet insbesondere Kleinstunternehmen und Mittelstand. Zahlten diese im vergangenen Jahr ab 60 Mio. Rubel Jahresumsatz die Mehrwertsteuer, so setzt die Steuerreform 2026 die Schwelle auf 20 Mio. Rubel herunter. 2027 fällt die Schwelle weiter auf 15 Mio. Rubel (158.000 Euro) und 2028 schließlich auf 10 Mio. Rubel (105.000 Euro).

Steuerbehörde geht strenger vor

Die russische Steuerbehörde will ab nächstem Jahr die Überweisungen zwischen Privatpersonen strenger unter die Lupe nehmen. In den Fokus rücken nicht deklarierte Einkünfte über 2,4 Mio. Rubel im Jahr, umgerechnet rund 27.450 Euro. Ende März hat die russische Regierung einen Gesetzentwurf ins Parlament eingebracht, wonach die Steuerbehörde bei der russischen Zentralbank Angaben über Bürger mit nicht gemeldeter unternehmerischer Tätigkeit anfordern kann. Hierbei geht es primär um russische Bürger ohne Einzelunternehmer- oder Selbstständigenstatus, die regelmäßig Zahlungen von mehr als 200.000 Rubel (2300 Euro) im Monat auf ihr Bankkonto überwiesen bekommen. Experten zufolge betrifft die Maßnahme in erster Linie Freelancer, Vermieter und selbstständige Spezialisten. Die Maßnahme könnte nächstes Jahr in Kraft treten. Der Staat verspricht sich davon Steuereinnahmen von mehr als 50 Mrd. Rubel im Jahr, 572,2 Mio. Euro.

Millionen Bürger betroffen

Nach Angaben der Russischen Industrie- und Handelskammer (TPP) könnte diese Maßnahme sieben bis zehn Millionen Menschen betreffen. Die Chefanalystin des internationalen Finanzdienstleisters Freedom Finance Global Natalia Miltschakowa schätzt hingegen, dass der Anteil der Steuerhinterzieher mit über 2,4 Mio. Rubel (27.450 Euro) Jahreseinkommen nicht mehr als 1-2% (etwa 200.000 Menschen) an der Gesamtzahl der Erwerbstätigen in Russland ausmacht.

Die verschärften Steuerkontrollen zielten nicht nur auf „Schattenunternehmer“, sondern auch auf Bürger mit gemischtem Einkommen ab, sagt Sofia Lukinowa, Leiterin für Recht beim russischen Beratungsunternehmen WMT Consult. Dazu zählt die Expertin Erwerbstätige mit ungemeldeten Nebenjobs oder Einkünften aus der Vermietung von Immobilien. Die strengeren Steuerkontrollen führten unvermeidlich dazu, dass Menschen in Russland die Regeln umgingen, so Lukinowa weiter. Und hier komme vor allem Bargeld ins Spiel.

Bedroht Bargeld Finanzsystem? 

Der russische Ökonom Andrei Barchota geht davon aus, dass die Nachfrage nach Barem im nächsten Jahr infolge strengerer Steuerkontrollen um 2 bis 3 Bio. Rubel, umgerechnet 22,8 bis 34,3 Mrd. Euro, steigen könnte. Allgemein gilt die Regel: Je mehr Bargeld im Umlauf, desto ineffizienter das Geldsystem. Dies wirkt sich auf die Liquidität der Banken aus. Wirtschaftsakteure mit Bargeld ließen sich Anlagezinsen entgehen, auf der anderen Seite fehle den Banken günstiges Fremdkapital, erklärt Egor Susin, Leiter für Marktstrategien bei der Gazprombank.

Eine alternative Liquiditätsquelle ist die Zentralbank, bei der sich Banken Geld leihen. Ein allzu großer Abfluss ins Bargeld könne zu einem strukturellen Liquiditätsdefizit im Bankensektor führen, warnt Sofia Donez, Chefökonomin von T-Investiziji bei der russischen T-Bank. Dies bedeute, dass die Verbindlichkeiten der Banken gegenüber den Währungshütern höher seien als die eigenen Mittel der Geldhäuser auf den Einlagen- und Korrespondenzkonten der Zentralbank. Experten sind sich jedoch einig: Für langfristige Prognosen ist es noch zu früh. Entscheidend ist, wie lange der Bargeldtrend anhält.

Ein Übergewicht an Bargeld kann zudem die Inflation anheizen. Ökonomen sehen jedoch in den Inflationserwartungen der Bevölkerung derzeit keinen Grund zur Sorge. Die Bürger gingen nicht zu Bargeld über, weil sie ihr Geld unbedingt loswerden wollten, sondern weil es äußere Trigger gebe, die diese Zahlungsform günstiger mache, erklärt Sofia Donez von der T-Bank.

Internationales Bargeld-Ranking

Der Anteil von Bargeld an der gesamten Geldmenge in Russland liegt seit mehreren Jahren zwischen 13-15%. Damit ist das Land international gesehen in einer Gesellschaft mit Ländern wie England (13%), USA (14%), Kanada und Israel (jeweils 15%). Den niedrigsten Bargeldanteil der Welt weisen Norwegen, Island (jeweils 8%), Südkorea, Schweden sowie Dänemark (jeweils 10%) auf, wie aus einem Ranking des skandinavischen Reisefinanzdienstleisters Forex hervorgeht. In Deutschland greifen die Menschen weitaus häufiger zu Bargeld. Mit 40% liegt die Bundesrepublik hinter Spanien (44%), der Türkei und Polen (jeweils 45%). Den höchsten Bargeldumlauf der Welt gibt es in Myanmar (98%), Äthiopien, dem westafrikanischen Gambia (jeweils 95%), Albanien und Kambodscha (jeweils 90%). 

Quelle: RBC, CNews (beide RU), Fokusanalyse, Forex (EN)



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15.05.2026

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