Am Anfang stand ein Dementi. Der geplante Besuch einer japanischen Regierungsdelegation in Moskau am 26. und 27. Mai, so das offizielle Tokio, bedeute keineswegs, dass Japan beabsichtige, seine Wirtschaftsbeziehungen mit Russland zu erweitern oder gar wieder auf den Stand der Zeit vor dem 24. Februar 2022 zu bringen.
Das japanische Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie betont stattdessen, das Hauptziel der Regierungsreise sei der Schutz der Aktiva japanischer Unternehmen in Russland. Doch dafür, dass Japan und Russland vor einer vorsichtigen Wiederbelebung ihrer wirtschaftlichen Beziehungen stehen, sprechen sowohl die hochkarätige Zusammensetzung einer Unternehmerdelegation, welche die Regierungsvertreter aus Tokio nach Moskau begleitet, als auch die Entwicklung des Handels zwischen beiden Ländern in den vergangenen Monaten.
An den Gesprächen in der russischen Hauptstadt sollen Vertreter großer japanischer Konzerne teilnehmen, die in Russland tätig sind, darunter die Mitsubishi Corporation, mit weltweit 72.000 Beschäftigten eines der größten japanischen Unternehmen, Mitsui & Co., engagiert in der Energie -, Metall-, und Chemiebranche und Mitsui O.S.K. Lines, eine der größten Reedereien der Welt.
Offenkundig bringt die durch den amerikanisch-israelischen Militärschlag gegen den Iran und die Sperrung der Straße von Hormus ausgelöste Energiekrise Japan dazu, wieder russisches Rohöl zu importieren. So brachte am 5. Mai erstmals wieder ein Tanker russisches Öl von Sachalin-2-Raffinerie in die südjapanische Hafenstadt Imabari.
In diesem Kontext ist auch der Besuch des Abgeordneten des Oberhauses des japanischen Parlaments Muneo Suzuki in Moskau Anfang Mai zu sehen. Suzuki traf sich mit dem stellvertretenden russischen Außenminister Andrej Rudenko. Der japanische Parlamentarier war ein Berater des verstorbenen Premierminister Shinzo Abe, dessen Witwe Präsident Putin im Mai 2025 in Moskau empfing. Premier Abe war um gute Wirtschaftsbeziehungen zwischen den beiden Ländern bemüht und besuchte Russland häufig. Der Abgeordnete Suzuki erklärte: „Ich möchte gern die russisch-japanischen Beziehungen wieder auf dem Niveau herstellen, auf dem sie sich unter Abe befanden.“
Öl und Gas im Zentrum der Wirtschaftsbeziehungen
Beim japanisch-russischen Handel bilden Energieexporte aus Russland nach Japan bis jetzt das Rückgrat der Beziehungen. Japans Wirtschaft hat vor allem ein Interesse, an den beiden Öl- und Gasförderprojekten Sachalin-1 und Sachalin-2, die geografisch nah an Japan liegen, beteiligt zu bleiben. In Sachalin-1 hält das japanische Konsortium SODECO 30%, in Sachalin-2 verfügen Mitsui und Mitsubishi über Anteile in Höhe von insgesamt 22,5%. Trotz der Ukraine-Krise haben die japanischen Unternehmen, mit Rückendeckung der Regierung in Tokio, beide Projekte nicht aufgegeben, obwohl die britische Shell dort ausstieg. Denn die japanische Regierung hat Sachalin-1 und Sachalin-2 als „außerordentlich wichtige Projekte“ eingestuft, da sie zur nationalen Energiesicherheit des Landes beitragen.
Rund 10% der japanischen Gasimporte kommen nach wie vor aus Russland. Gleichzeitig setzt Japan bei Energieimporten auf Diversifizierung. Japanische Unternehmen haben neue Verträge mit US-Unternehmen über Flüssiggasimporte im Wert von 7,5 Mio. Tonnen pro Jahr abgeschlossen. Damit beziehen die Japaner jetzt 10% ihrer Flüssiggas-Importe aus den Vereinigten Staaten, also genauso viel wie aus Russland. Nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima im März 2011 ist der japanische Insel-Staat stark auf Flüssiggas angewiesen.
Automobilbranche als Wachstumsfaktor
Bis 2022 spielten Automobilexporte aus Japan nach Russland eine große Rolle in den wirtschaftlichen Beziehungen beider Länder. Japanische Autos gelten in Russland als hochwertig und zuverlässig. Der Verkauf japanischer Automobile in Russland, vor allem in dessen asiatischem Teil war über Jahrzehnte ein Wachstumsfaktor im wirtschaftlichen Austausch beider Länder.

Marktführer waren dabei Mitsubishi, Toyota und Nissan. Vor allem im russischen Fernen Osten zwischen Wladiwostok und Chabarowsk beherrschten deren Fahrzeuge die Straßen. Allein im Jahre 2011 machten Pkw 63% der japanischen Exporte nach Russland aus. Nachdem Russland 2012 der Welthandelsorganisation beigetreten war, wurden die russischen Importzölle für japanische Autos schrittweise von 30% auf 15% gesenkt. Dies stärkte die Position japanischer Exporteure.
Doch nach dem 24. Februar 2022 brach das Geschäft aufgrund der Sanktionen gegen Russland komplett ein. Toyota, Nissan und andere japanische Hersteller beendeten ihre Produktion in Russland. Der Anteil japanischer Marken an den Importen fiel bereits im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr von 17,9% auf 6,6%. Japanische Unternehmen mussten Milliardenabschreibungen hinnehmen. Allein Toyota buchte durch den Verkauf seines Werkes in St. Petersburg einen Verlust von 2,6 Mrd. US-Dollar.
In die von den Japanern, Koreanern sowie deutschen und europäischen Autoherstellern hinterlassene Lücke stießen chinesische Hersteller wie Chery, Great Wall (Haval) und Geely, die inzwischen mehr als 60% des russischen Marktes eroberten. Dass die Japaner wieder in die Automobilproduktion auf russischem Boden zurückkehren, gilt als äußerst unwahrscheinlich. Demgegenüber aber werden verstärkt japanische Autos nach Russland geliefert.
Der Warenaustausch zwischen Russland und Japan wuchs zwischen Februar 2025 und dem Februar dieses Jahres um 25%, vor allem wegen des Imports japanischer Pkw nach Russland. Allein im Januar 2026 stiegen die Lieferungen von Pkw aus Japan in die Weiten Russlands um 45%. Autos und Pkw-Teile machten in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 rund 60% aller japanischen Exporte nach Russland aus.
Zum Anstieg der Einfuhren aus Japan trugen auch medizinische Geräte und Medikamente, Kunstdünger und verarbeiteter Kautschuk bei. Traditionell sind Tabak und Pharmaprodukte neben ätherischen Ölen und Körperpflegemitteln neben Autos die drei größten japanischen Exportwaren nach Russland. Der japanische Import aus Russland hingegen besteht vor allem aus Fisch und Krebstieren, mineralischen Brennstoffen sowie Holz- und Holzwaren vor allem aus den Wäldern Ost-Sibiriens.

Geschichtlich bedingte wirtschaftliche Sonderbeziehungen
In den Beziehungen zwischen Japan und Russland gab es seit dem 19. Jahrhundert trotz geopolitischer Rivalität immer wieder Versuche beider Seiten, auf der Basis wirtschaftlicher Interessen Kompromisse zu finden. So vereinbarten Japan und Russland 1867 die gemeinsame Nutzung von Sachalin. Und nach dem Japanisch-Russischen Krieg 1904/05, den Russland verlor, waren das Russische Imperium und das Japanische Kaiserreich Verbündete.
Nach der Oktoberrevolution 1917 nahmen japanische Streitkräfte an der militärischen Intervention westlicher Länder, darunter der USA, gegen den neuen Sowjetstaat teil. Doch schon bald nach Ende des russischen Bürgerkrieges, im Jahre 1925, schlossen beide Staaten einen Vertrag über Zusammenarbeit vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft. Die Sowjetunion, die Devisen für die Entwicklung ihrer fernöstlichen Regionen brauchte, vergab Konzessionen für Fischfang, Holzfällen sowie die Förderung von Kohle und Gold an die Japaner. Diese wirtschaftliche Zusammenarbeit dauerte selbst im Zweiten Weltkrieg noch bis 1944 an.
Denn obwohl Japan mit Hitlerdeutschland verbündet war, schloss das japanische Kaiserreich im April 1941 einen Neutralitätspakt mit der Sowjetunion. Der in Tokio tätige deutsche Journalist und Agent der sowjetischen Militäraufklärung Richard Sorge berichtete 1941 einer zweifelnden sowjetischen Führung auf der Grundlage seiner Regierungskontakte, dass Japan neutral bleiben und die Sowjetunion nicht angreifen werde.
Erst nach der Kapitulation des Deutschen Reiches im Mai 1945 griffen die sowjetischen Streitkräfte gemäß den Vereinbarungen mit den westlichen Alliierten Japan an. Die Sowjetunion annektierte die südlichen Kurilen-Inseln, die bis 1945 zu Japan gehört hatten und die der japanische Staat bis heute für sich beansprucht. Doch trotz dieses territorialen Konfliktes schlossen beide Staaten bereits 1957 ein Handelsabkommen. Das wirtschaftliche Interesse beider Seiten war stärker als die politischen Gegensätze. 1979 erreichte der Warenaustausch zwischen der Sowjetunion und Japan einen Umfang von 4,1 Mrd. US-Dollar.
An diese Handelsbeziehungen knüpfte Russland ab 1992 an, als Japan die Russische Föderation als Rechtsnachfolger der Sowjetunion anerkannte. Die japanischen Exporte wuchsen von 1,1 Mrd. Dollar im Jahre 1992 auf 3,1 Mrd. 2004 und auf 16,8 Mrd. Dollar 2008. Dieser Höchststand wurde danach nie wieder erreicht.
Angetrieben durch den rasanten Anstieg der Öl- und Gaspreise erlebte der bilaterale Handel in den 2000er Jahren einen starken Aufschwung. Japan bezog zunehmend Erdöl und Flüssiggas aus den russischen Fernost-Projekten Sachalin-1 und Sachalin-2, während Russland zum wichtigen Absatzmarkt für japanische Automobile und Maschinen wurde.

Nach dem Konflikt um die Krim 2014 sanken die japanischen Importe nach Russland von 9,2 Mrd. Dollar 2014 auf 5,1 Mrd. im Jahre 2015. Zwar folgte darauf im Jahr 2021 ein Anstieg auf 7,9 Mrd., doch durch die Folgen des Ukraine-Konfliktes sanken die japanischen Importe in die Russische Föderation im Jahr 2023 auf 2,8 Mrd. Dollar.
Die japanischen Importe aus Russland stiegen von 2,4 Mrd. Dollar im Jahre 1992 auf 13,4 Mrd. Dollar 2008. Der Höhepunkt dieser Einfuhren waren die Jahre 2013 und 2014 mit 20 Mrd. Dollar. Noch 2022 beliefen sich die russischen Importe nach Japan auf einen Wert von 14,9 Mrd. Dollar. Danach brachen die Ausfuhren Russlands auf den Inselstaat auf rund die Hälfte ein und lagen 2023 bei 7,4 Mrd. Dollar. 2025 sanken sie auf 5,3 Mrd. Dollar. Bereits in den ersten Wochen nach dem Beginn des militärischen Konfliktes in der Ukraine schloss sich Japan im Rahmen der G7-Staatengruppen Sanktionen gegen Russland an.
Bis Dezember 2025 beschloss Japan insgesamt 26 Sanktionspakete gegen Russland. Doch seit dem Beginn eines durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump angestoßenen Gesprächs- und Verhandlungsprozesses über den Ukraine-Konflikt wächst auch wieder das Interesse der japanischen Geschäftswelt an Handelsbeziehungen mit dem russischen Nachbarn. Dieses Interesse wird durch die explodierenden Energiepreise aufgrund des Nahostkrieges und der Sperrung der Straßen von Hormus verstärkt. Durch Importe über die Meerenge deckt Japan rund 80% seines Ölbedarfs.
Auch der bevorstehende Besuch einer japanischen Regierungs- und Wirtschaftsdelegation bestätigt das eherne Gesetz, dass sich in den japanisch-russischen Beziehungen das pragmatische Interesse an wirtschaftlichen Vorteilen letztlich als dominierender Faktor erweist.
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