Das kurzzeitige Anmieten von Fahrzeugen, heute weitläufig als Carsharing bekannt, bietet ein attraktives Modell: Der Anbieter übernimmt Parkgebühren, Sprit, Wartungs- und Reparaturkosten – der Endverbraucher bezahlt nur seine Fahrt. Carsharing-Dienstleister weiten inzwischen ihre Flotte aus, erschließen neue Regionen und könnten schon in zwei Jahren in einem Markt konkurrieren, der um das Doppelte gewachsen ist.
Im vergangenen Jahr generierte Carsharing in Russland deutlich mehr Einnahmen. Der Markt wuchs im Zeitraum von Januar bis November 2025 um 11,5% auf 63,8 Mrd. Rubel (75,8 Mio. Euro) gegenüber dem Vorjahreszeitraum, wie die russische Statistikbehörde Rosstat ausweist. Allerdings verlor die Branche Anfang 2026 deutlich an Tempo. Laut Rosstat ging die Nachfrage im Februar um 18,5% gegenüber dem Vorjahresmonat zurück, zum Januar betrug das Minus 5,7%.
Dennoch erwarten die meisten Analysten, dass die Branche in Zukunft um ein Mehrfaches wachsen wird. Wie aus Daten der Consultinggruppe B1 (ehemals Ernst & Young) hervorgeht, ist der russische Carsharing-Markt seit 2021 von 32 Mrd. auf 88 Mrd. Rubel im Jahr 2025 gewachsen, umgerechnet 380,6 Mio. Euro bzw. 1,04 Mrd. Euro. Für dieses Jahr prognostiziert B1 ein Marktvolumen von 124 Mrd. Rubel, 1,47 Mrd. Euro. Bis 2028 halten die Analysten eine beinahe Verdoppelung auf 234 Mrd. Rubel (2,78 Mrd. Euro) für möglich.
Analysten heben mehrere Wachstumstreiber für die Branche hervor. Zum einen steigen die Menschen in Russland wegen höherer Parkgebühren und Wartungskosten für das eigene Auto auf geliehene Fahrzeuge um. Zum anderen stoßen Carsharing-Anbieter zunehmend in neue Regionen Russlands vor. Überdies ist der Markt bei Weitem noch nicht gesättigt. Nach Angaben des Carsharing-Dienstleisters Delimobil mieten etwa 4,4 Mio. Menschen in Russland pro Jahr ein Auto, das macht 3% an der russischen Gesamtbevölkerung, die sich auf 146 Mio. Menschen beläuft. Delimobil sieht das Potenzial bei 25% Carsharing-Nutzern gemessen an der Gesamtbevölkerung
Mehr Fahrten
Nach Angaben des Steuerdatenbetreibers Platforma OFD stieg der Durchschnittspreis für die Anmietung von Fahrzeugen 2025 um 12% auf 629 Rubel, umgerechnet 7,48 Euro. Für Januar dieses Jahres wies der Steuerdatenbetreiber einen weiteren Anstieg von 8% auf 719 Rubel (8,55 Euro) aus. Das meiste Geld für Carsharing gaben die Verbraucher in Moskau aus: Im Zeitraum von Januar bis August 2025 entfielen auf die russische Hauptstadt 45,5 Mrd. Rubel (541,1 Mio. Euro), was einem Anstieg von 17% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum entsprach.
Diese Entwicklung bestätigen auch die russischen Branchenführer. Der Carsharing-Dienstleister Citydrive teilte mit, dass die Verbraucher 2025 mit den Fahrzeugen des Unternehmens insgesamt 577,8 km zurücklegten – 15,6% mehr als im Vorjahr. Yandex Drive, ein Tochterunternehmen des russischen Internetriesen Yandex, gab für das dritte Quartal 2025 einen Fahrtenanstieg von 31% an.
Branchenführer erobern Regionen
Carsharing ist zurzeit in über 30 russischen Städten verfügbar. Die größten Anteile am Carsharing-Markt halten Yandex Drive, Delimobil, Citydrive und Belkacar. Allein im vergangenen Jahr expandierte Yandex Drive gleich in sechs Städte: Ischewsk, Tjumen, Nischni Nowgorod, Kaliningrad, Perm und Tscheljabinsk im Ural. Delimobil, das vom italienischen Unternehmer und Präsidenten der Italienisch-Russischen Handelskammer Vincenzo Trana gegründet wurde, expandierte nach Jaroslawl, Krasnodar und ebenso Tscheljabinsk.
Angesichts der Geschäftsausweitung stocken die Dienstleister ihren Fuhrpark auf. 2025 stieg die Flotte von Citydrive um 6% auf 20.000 Fahrzeuge, Yandex Drive steigerte die Zahl seiner Automobile in Moskau um 27% auf 12.500. Eine Ausnahme bildet Delimobil: Die Flotte des Unternehmens beläuft sich derzeit auf 27.900 Einheiten, 12% weniger als im Vorjahr. Delimobil erklärt dies mit dem Verkauf von Fahrzeugen, die außer Dienst gestellt wurden. Belkacar verfügt über eine Flotte von 6000 Fahrzeugen.
Den meisten Umsatz im vergangenen Jahr generierte Yandex Drive: Für die Sparte Ridetech (Taxidienst, Carsharing, E-Scooter-Sharing) wies der Konzern Yandex 284,3 Mrd. Rubel aus, was einen Anstieg von 25% zum Vorjahr bedeutete. Den Löwenanteil daran machte der Taxidienst aus. Der Carsharing-Anbieter Delimobil setzte 30,8 Mrd. um (+11), 366,3 Mio. Euro. Gleichzeitig verzeichnete das Unternehmen einen Nettoverlust von 3,7 Mrd. Rubel (44 Mio. Euro), 2024 lag es mit 8 Mio. Rubel (95.154 Euro) noch in der Gewinnzone. Citydrive hat für 2025 noch keine Bilanz vorgelegt. 2024 machte das Unternehmen 25 Mrd. Rubel Umsatz, 297,35 Mio. Euro, bei einem Reingewinn von 1,9 Mrd. Rubel, 22,6 Mio. Euro. Belkacar steigerte in den ersten Monaten 2025 seinen Umsatz um rund 55% auf 4,6 Mrd. Rubel, 54,7 Mio. Euro.
Im Süden falsch eingeparkt
Trotz ihres Expansionskurses haben die Branchenführer nicht in allen Regionen Erfolg. Bis auf die bei Touristen beliebte Schwarzmeerstadt Sotschi sehen Experten derzeit keinen anderen Ort im Süden Russlands, in der Carsharing auf großes Interesse trifft. Städte wie Stawropol und die meisten Städte im Nordkaukasus mit 400.000 bis 500.000 Einwohnern rentieren sich für die Carsharing-Anbieter nicht, erklärt Alexei Iwanow, Eigentümer der russischen Vertriebskette für Nutzfahrzeuge Alliance Trucks. „Rentabel wird es ab 500.000 Einwohnern, optimal ab 1 Mio.“, sagt Iwanow. Einen Grund für die lahmende Nachfrage verorten Experten in dem schwach entwickelten Straßennetz und dem Mangel an Parkplätzen im Süden Russlands, weshalb ein falsch geparktes Leihauto nicht selten abgeschleppt wird.
Quelle: Kommersant 1, 2, Tadviser, Interfax, Prime, Russian Business, Vedomosti (alle RU)
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