Bestattungsmarkt: Traurige Kostenfrage und Russlands Friedhof-Problem

Der russische Markt für Bestattungsdienstleistungen erreichte 2025 ein Volumen von 128,3 Mrd. Rubel (1,41 Mrd. Euro), geht aus Daten der russischen Statistikbehörde Rosstat hervor. Preisbereinigt hat der Markt um 3,3% zugelegt. 2024 betrug das Wachstum in der Branche 7,7% 2023 waren es 11,5% und 2022 – 10,6%.

Diese Entwicklung erklären Branchenvertreter mit einem Rückgang der Todesfälle. Einen deutlichen Anstieg der Sterblichkeitsrate verzeichnete Russland während der Corona-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021. Nach Rosstat-Angaben starben 2021 in dem Land rund 2,44 Mio. Menschen – etwa 15% mehr als 2020 und so viele wie nie zuvor in der postsowjetischen Geschichte. Nach Angaben des russischen Gesundheitsministeriums betrug die Zahl der Todesfälle im ersten Halbjahr des vergangenen Jahres 916.000, ein Anstieg von rund 1% zum Vorjahreszeitraum. 2024 lag die Zahl der Todesfälle in Russland bei 1,8 Mio., was einem Anstieg von 3,3% gegenüber 1,76 Mio. im Vorjahr entsprach. Eine der Erklärungen sind die Gefallenen im Ukraine-Konflikt. 

Insgesamt waren Anfang Februar 11.150 Unternehmen auf dem russischen Bestattungsmarkt tätig. Im vergangenen Jahr wurden 248 neue Unternehmen angemeldet, was einen Anstieg zum Vorjahr um 18% bedeutete.

Hohe Bestattungskosten

Ein weiterer Grund für das geringere Wachstumstempo in der Branche sind die teuren Dienstleistungen der Bestatter, die sich nicht alle Hinterbliebenen in vollem Umfang leisten können. Die Kaufkraft innerhalb der russischen Bevölkerung lasse nach, gleichzeitig stiegen die Kosten für eine Bestattung zunehmend, erklärt Ilja Boltunow, Chef des russischen Bestattungsunternehmens „Schurawli“, übersetzt Kraniche. So stiegen die Durchschnittskosten für einen Grabaushub im Dezember 2025 um 13% auf 12.600 gegenüber dem Vorjahresmonat, umgerechnet 137 Euro. Die Fertigung eines Sarges verteuerte sich um 9,3% und lag bei 8600 Rubel, 93 Euro.

Tatsächlich hängen die Kosten von der Region ab. Nach Angaben der Moskauer Bestattungsfirma „Mosritual“ beläuft sich der Preis für den Mindestservice russlandweit zwischen 25.000 und 50.000 Rubel, 270 und 545 Euro.

Finanzhilfe vom Staat

Laut Branchenvertretern greifen immer mehr Bürger für die Bestattung auf staatliche Unterstützung zurück. Anspruch haben Personen, die finanziell für eine Bestattung aufkommen, ungeachtet ihres Verwandtschaftsgrades zum Verstorbenen. Allerdings ist die Finanzhilfe mit rund 9800 Rubel, 107 Euro, gering und deckt in den meisten Fällen nur einen Teil der Kosten. Bei der Bestattung von verstorbenen Militärangehörigen beläuft sich die Hilfe auf rund 24.000 Rubel (260 Euro) in russischen Regionen und auf 33.000 Rubel (360 Euro) in Moskau und dem Moskauer Gebiet.

Mehr Feuerbestattungen

Branchenvertreter stellen fest, dass die Nachfrage nach Urnenbestattungen sowohl international als auch in Russland wächst. So entscheiden sich inzwischen 60% bis 70% der russischen Großstädter für eine Feuerbestattung. Die Nachfrage nach Urnenbestattung hat vor allem finanzielle Gründe. Die Kremation koste im Schnitt 20.000 Rubel (217 Euro), wogegen eine traditionelle Beerdigung je nach Region mindestens um die Hälfte mehr koste, erklärt Wladimir Rodkin, Vizepräsident des russischen Verbands für Bestatter und Krematorien. Allerdings sind die Kosten für Feuerbestattungen seit Anfang dieses Jahres hochgeschnellt.

Russland hat eine im internationalen Vergleich geringe Zahl an Krematorien. Derzeit werden in dem christlich-orthodoxen Land mehr als 30 Krematorien betrieben. Zum Vergleich: In Japan, das von den Religionen Shintoismus und Buddhismus geprägt ist und die meisten Urnenbestattungen weltweit vornimmt, gibt es mehr als 5000 Krematorien, in den USA sind es mehr als 1500. Auch in Deutschland wünschen sich viele Menschen eine Feuerbestattung. In vielen Bundesländern liegt der Anteil der Urnenbestattungen an den Gesamtbestattungen zwischen 70% und 90%. Nach offiziellen Angaben werden heute in der Bundesrepublik ca. 160 Krematorien betrieben.

Mangelnde Regulierung

Das Problem der staatlichen Regulierung des Bestattungswesens wird am Beispiel der Krematorien deutlich. Das 1996 in Kraft getretene Gesetz „Über Bestattung und Bestattungswesen“ legt Krematorien ausschließlich in öffentliche Hand. Seit Jahren blockiert das russische Parlament Reformen, die Privatunternehmen die Einrichtung von Krematorien ermöglichen. Private Investitionen können nur unter Beteiligung des Staates getätigt werden. Der Staatshaushalt stellt den Regionen wiederum selten Mittel zum Bau von Feuerhallen zur Verfügung. In Russland fehlt zudem ein einheitlicher Standard für Bestattungsdienstleistungen, der Qualitäts- und Preisnormen festlegt. Dies treibt Hinterbliebene mitunter in die Arme von illegalen Bestattern, die überhöhte Preise für ihre Dienstleistungen verlangen.

2017 berichtete die Regierungszeitung Rossijskaja Gaseta, dass 85% bis 90% der Friedhöfe in Russland illegal seien oder keinen rechtmäßigen Eigentümer hätten. Das russische Bauministerium schätze die Zahl verfügbarer Friedhöfe in Russland auf 81.000 bis 83.000. Eine weitaus höhere Schätzung gab der russische Verband für Bestatter und Krematorien ab: 600.000 Friedhöfe. Experten verweisen darüber hinaus auf Landmangel bei der Erweiterung bzw. Schaffung neuer Friedhöfe. Dies betrifft insbesondere große Städte mit überfüllten Friedhöfen. Der Zukauf neuer Grundstücke ist für die Gemeinden mit hohen Haushaltsausgaben verbunden.

Quellen: Kommersant 12MosritualBanki.ruLenta.ruMeridian Journal, Rossijskaja Gaseta (alle RU), NDRFokusanalyse

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13.03.2026

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