Russlands Anlageinvestitionen sind im ersten Halbjahr real um 9,9% gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken. Das meldet die russische Statistikbehörde Rosstat. Für das Gesamtjahr erwartet das russische Wirtschaftsministerium ein Minus von 5,4%. Im Mai hatte es noch mit einem Rückgang um 1,5% gerechnet. Die Gründe: Erstens laufen Großprojekte aus. Zweitens verdienen die Unternehmen weniger. Drittens bleiben Kredite teuer.
Von Januar bis Juni investierten Unternehmen und Staat 16,2 Bio. Rubel, umgerechnet rund 180 Mrd. Euro. Im ersten Quartal lag das reale Minus bei 14,3%, im zweiten Quartal bei 6,6%. Schon im vergangenen Jahr waren die Investitionen laut einer Rosstat-Schätzung um 2,3% gesunken, nach einem Plus von 8,4% im Jahr 2024.
Regierung erwartet erst ab 2028 wieder Wachstum
Die Korrektur der Investitionen sei „länger und tiefer“ ausgefallen als geplant, erklärte das Wirtschaftsministerium Ende September. Als Gründe nennt es die allgemeine Unsicherheit, Risiken für die Infrastruktur und die höhere Leitzinsprognose der Zentralbank. Für 2027 erwartet das Ministerium nur noch ein Plus von 0,2% statt bisher 2%. In den Jahren 2028 und 2029 sollen die Investitionen um 2,5% und 3% wachsen. Die erwartete Erholung gleicht damit nur den Einbruch aus: Rechnet man die Jahreswerte zusammen, liegen die Investitionen 2029 praktisch auf dem Niveau von 2025. Der Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am BIP steigt laut Prognose kaum: von 23,3% im Jahr 2025 auf 23,4% im Jahr 2029.
Andere Prognostiker sehen das laufende Jahr ähnlich oder milder, die Folgejahre aber sehr unterschiedlich. Das Moskauer Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognose (ZMAKP) rechnet für 2026 mit einem Minus von 4,8% bis 5,2%. Die Russische Zentralbank ist optimistischer. Ihre Prognose vom 23. Oktober sieht die Bruttoanlageinvestitionen in diesem Jahr zwischen minus 1% und 0, im nächsten Jahr bei plus 1% bis 3%. Die Weltbank erwartet dagegen weitere Rückgänge: um 1% in diesem Jahr, im Jahr 2027 um 2% und im Jahr 2028 um 1,9%.
Großprojekte laufen aus, Gewinne sinken
Einen Teil des Rückgangs erklärt das Forschungsinstitut Bofit der Finnischen Zentralbank mit dem Boom der Vorjahre. Von 2021 bis 2024 stiegen die Investitionen im Schnitt um rund 8% pro Jahr. Besonders rasant wuchsen sie in Branchen, die mit Militärproduktion zu tun haben. Außerdem trieben Großprojekte in der Öl- und Gasindustrie, der Chemie und der Logistik das Wachstum. Viele davon sind abgeschlossen oder weit fortgeschritten.
Hinzu kommen schwächere Finanzen der Unternehmen. Die großen und mittleren Firmen ohne Banken und Versicherer verdienten von Januar bis Juli deutlich weniger. Ihr saldiertes Finanzergebnis, also Gewinne abzüglich Verluste, sank laut Rosstat um 15,7% auf 13 Bio. Rubel (145 Mrd. Euro). Ein Drittel dieser Unternehmen schrieb Verluste: 33,4% nach 30,6% im Vorjahreszeitraum. Kredite bleiben teuer. Unternehmenskredite mit mehr als einem Jahr Laufzeit kosteten im Juli laut Bofit rund 13%. Den Leitzins beließ die Zentralbank am 23. Oktober bei 14%.
Umfragen bestätigen die Zurückhaltung. Mit dem Umfang ihrer Investitionen waren Industriebetriebe in den ersten drei Quartalen so unzufrieden wie seit 2010 nicht mehr. Das berichtet die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant unter Berufung auf Erhebungen des Instituts für Volkswirtschaftsprognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften. Nur 31% der Unternehmen halten den Zugang zu Krediten für normal. Das ist der schlechteste Wert seit der Finanzkrise 2008/2009.
Investitionspause wird Wachstum bremsen
„Nach dem Rückgang um 5,4% im Jahr 2026 bringt die Erholung in den folgenden drei Jahren die Investitionen lediglich etwa auf das Niveau von 2025 zurück. Das begrenzt die Möglichkeiten für eine rasche Beschleunigung des BIP-Wachstums. Weniger Investitionen heute bedeuten weniger neue Kapazitäten morgen, deshalb bleiben die Folgen der Investitionspause auch nach der Verbilligung der Kredite bestehen“, schreibt Wladimir Tschernow in einem Kommentar für die Moskauer Investmentgesellschaft Finam. Tschernow ist Analyst des Brokers Freedom Finance Global mit Sitz in der kasachischen Hauptstadt Astana. Das Regierungsziel von 2,4% Wachstum im Jahr 2029 hält er für „eher ein optimistisches Szenario“.
Ausländische Unternehmen tragen kaum noch zu den Investitionen in Russland bei. Ihr Anteil lag im ersten Halbjahr laut den Finnen von Bofit bei 0,1%.
Quelle: Bofit, Weltbank (beide EN); Rosstat 1, 2, Kommersant 1, 2, Russ. Zentralbank, Finam (alle RU)
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