Sefe statt Gazprom: Berlin bestellt weiter russisches Flüssiggas

Die bundeseigene Gas-Handelsfirma Sefe (Securing Energy for Europe) bat 2023 die russische Regierung um eine Wiederaufnahme der Flüssigerdgas-Lieferungen, berichtet der Norddeutsche Rundfunk Mitte Mai. Vorausgegangen war ein Treffen von Sefe-Chef Egbert Laege mit Novatek-CEO Leonid Michelson im April 2023 in Dubai.

Die Bundesregierung hatte Gazprom Germania am 14. November 2022 verstaatlicht und in Sefe umbenannt. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erklärte im März 2023, deutsche Firmen kauften kein russisches Gas mehr. Gazprom Germania war 1990 als deutsche Tochter des russischen Konzerns Gazprom entstanden. Bis 2022 gehörte der Berliner Gashändler zu 100% Gazprom. Im April 2022 stellte die Bundesnetzagentur das Unternehmen unter Treuhandverwaltung. Sefe ist heute Deutschlands zweitgrößter Gasimporteur, und beschäftigt rund 2000 Mitarbeiter. Uniper – ebenfalls seit Dezember 2022 mit einer Beteiligung von 99,1% vom Bund verstaatlicht – ist der größte.

Im Mai 2023 bat eine Sefe-Tochter ihre russischen Geschäftspartner schriftlich um eine „temporäre Erlaubnis“ für die Wiederaufnahme. Wenige Tage darauf meldete die russische Nachrichtenagentur TASS die Aufhebung der russischen, am 3. Mai verhängten Sanktionen gegen Sefe. Seitdem fließt erneut Yamal-LNG aus Sibirien an Sefe. Russisches Pipelinegas spielt seit Ende der Nord-Stream-Lieferungen 2022 keine Rolle mehr.

Vertraglich Indien, faktisch Europa

Das Yamal-Flüssiggas ist vertraglich für den indischen Staatskonzern Gail bestimmt – 2012 schlossen die Inder mit Gazprom einen 20-Jahre-Vertrag. Sefe soll dort jährlich bis zu 2,85 Mio. Tonnen liefern. Den Lieferausfall der Jahre 2022 und 2023 glich Sefe mit einer Vergleichszahlung von 285 Mio. US-Dollar, rund 250 Mio. Euro, aus. Die Belieferung läuft seit März 2023 wieder, teils mit Ersatzmengen anderer Anbieter. Die Analyse der Nichtregierungsorganisation Urgewald, gestützt auf Schiffsdaten der Analysten von Kpler, zeigt einen anderen Befund: Der Großteil der Yamal-Ladungen bleibt in Europa. 2025 erreichten 15 von 19,7Mio. Tonnen Yamal-LNG europäische Häfen. Das entspricht 76,1% der Gesamtproduktion, gegenüber 75,4% im Vorjahr. Russland verdiente daran nach Urgewald-Berechnung 7,2 Mrd. Euro, im ersten Quartal 2026 weitere 2,88 Mrd. Euro.

Frankreich war 2025 größter EU-Abnehmer russischen Flüssiggases mit 6,3 Mio. Tonnen über Dunkerque und Montoir. Belgien folgte mit 4,2 Mio. Tonnen über Zeebrügge, Spanien mit 2,8 Mio. Tonnen. Im Februar 2026 erreichten erstmals 100% der Yamal-Schiffsladungen EU-Terminals. Kein einziges Schiff lief China oder andere asiatische Märkte an. Die Logistik treibt diesen Trend: Seit Beginn der Hormus-Krise steigen die Frachtkosten Richtung Süden. Sefe-Yamal-Ladungen werden in europäischen Häfen entladen, Gail erhält Ersatzmengen über Spotmärkte.

Mehrkauf statt Mindestabnahme

Sefe bezieht das Flüssigerdgas aus einem Vertrag von 2015 zwischen Gazprom Germania und der Novatek-Tochter Yamal LNG. Der Vertrag läuft bis 2038 und sieht eine Mindestabnahme von 3,9 Mrd. Kubikmetern pro Jahr vor. 2024 kaufte Sefe jedoch 5,66 Mrd. Kubikmeter – 1,76 Mrd. Kubikmeter über der vertraglichen Pflicht. Das ergibt sich aus Daten der EU-Energieregulierungsbehörde ACER.

Wirtschaftlich rechnet sich der Bezug. Der Gewinn vor Steuern von Sefe stieg 2024 auf 1,13 Mrd. Euro, mehr als doppelt so viel wie 2023 (430 Mio. Euro). Der Yamal-Vertrag liegt preislich unter dem europäischen Spotniveau, was den Mehrkauf für Sefe lukrativ macht. Leonid Michelson selbst steht auf Sanktionslisten der USA, Großbritanniens und Kanadas, jedoch nicht der EU. Grünen-Abgeordneter Anton Hofreiter nannte das Sefe-Geschäft „politisch dumm“. Der Ökonom Guntram Wolff vom Brüsseler Bruegel-Institut sprach von „echter Enttäuschung“: Jeder Kubikmeter Gas helfe „der russischen Kriegsindustrie“.

Die EU verbietet ab dem 25. April 2026 russisches LNG aus Kurzfristverträgen. Langfristverträge wie der Yamal-Deal werden ab dem 1. Januar 2027 untersagt. Die Vorgaben gehen auf das 19. Sanktionspaket vom Oktober 2025 zurück.

Gewinner sind US-Exporteure wie Cheniere und Venture Global sowie Katar. Beide Anbieter dürften den Yamal-Anteil von 14,3% an den EU-Flüssiggas-Importen unter sich aufteilen. 

Quelle: Urgewald 1, 2, High North News, Enerdata, Bloomberg (alle EN); Tagesschau, NDR, Sefe, Tagesspiegel; TASS, Kommersant, Interfax (alle RU)


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02.06.2026

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