Der jüngste Zinsentscheid sorgt in Wirtschaftskreisen für Enttäuschung. Die russische Zentralbank hat den Einlagensatz von 14,50% auf 14,25% zum neunten Mal in Folge gesenkt. Die meisten Analysten und Unternehmenslenker waren jedoch von einer Senkung um 0,5 Prozentpunkte ausgegangen. Der Präsident des russischen Unternehmerverbands (RSPP) Alexander Schochin hatte im Vorfeld der Sitzung der russischen Zentralbank sogar einen Zinsschritt in Höhe von einem Prozentpunkt gefordert. „Damit die russische Wirtschaft nicht endgültig einfriert, brauchen die Unternehmen inzwischen kein Tauwetter mehr, sondern Sommerwärme“, erklärte Schochin. Die jüngste Leitzinssenkung bezeichnete der RSPP-Chef als „enttäuschend“.
Zentralbankchefin Elwira Nabiullina erklärte gleich im Anschluss an die Freitagssitzung der Zentralbank ihre Entscheidung (im Bild). Der Spielraum für weitere Zinssenkungen habe sich verringert, da das Kreditwachstum in Russland in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen habe, so Nabiullina.
Die Währungshüter verwiesen auf anhaltende Inflationsrisiken, darunter der Rückgang der Kraftstoffproduktion in Russland vor dem Hintergrund ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien. Nabiullina erklärte in der Pressekonferenz, dass der Anstieg der Benzinpreise „einer der Hauptgründe“ für die moderate Senkung des Leitzinses um lediglich 25 Basispunkte gewesen sei. Laut Rosstat-Daten vom 15. Juni stieg die jährliche Inflation in der vergangenen Woche von 5,51% auf 5,63%. Das Inflationsziel der Zentralbank liegt bei 4%. Die Zentralbank prognostiziert für dieses Jahr eine Inflationsrate von 4,5–5,5%.
Wachstumsprognosen klaffen auseinander
Laut Zentralbank ist die russische Wirtschaft im ersten Halbjahr 2026 moderat gewachsen, erklärte die Zentralbank. Die Währungshüter schätzen das russische Wirtschaftswachstum im Zeitraum von Januar bis April auf 0,3%. Für das gesamte erste Halbjahr erwartet die Zentralbank ein Wirtschaftswachstum von rund 0,5%. Die Zentralbank verweist unter anderem auf die sich verschlechternden Aussichten der Weltwirtschaft und den Preisdruck angesichts geopolitischer Spannungen.
Optimistischere Wachstumsprognosen legen renommierte deutsche Wirtschaftsinstitute vor. Das Berliner „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ und das „Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung Halle“ erwarten für 2026 ein Wachstum der russischen Wirtschaft um 1%, also 0,1 Prozentpunkte mehr als in ihren Frühjahrprognosen. Diese Einschätzung teilt auch die Eurasische Entwicklungsbank. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) und vor allem das Münchner ifo Institut haben ihre Prognosen für Russlands diesjähriges Wirtschaftswachstum in ihren „Sommerprognosen“ dagegen stark gesenkt. Das IfW nahm seine Prognose von 1,0% auf nur noch 0,2% zurück.
Das ifo Institut sieht Russlands Wirtschaft in diesem Jahr sogar in einer Rezession. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird der Prognose zufolge im Vergleich zum Vorjahr um 0,7% sinken. Nach dem diesjährigen „Absturz“ in die Rezession rechnet das ifo Institut im Jahr 2027 jedoch mit einer raschen Erholung der russischen Wirtschaft. Russlands reales Bruttoinlandsprodukt wird demnach um 2,0% steigen. Die anderen deutschen Institute erwarten im nächsten Jahr hingegen nur einen BIP-Anstieg zwischen 0,5% (IfW Kiel) und 1,2% (IWH Halle).
Experten zum Leitzinsentscheid
Natalia Orlowa, Chefvolkswirtin der Alfa Bank, kommentierte den Leitzinsentscheid diplomatisch: „Die gute Nachricht ist, dass die Zinssenkungen weitergehen. Die schlechte Nachricht ist, dass der Schritt kleiner geworden ist – was die zunehmenden proinflationären Risiken in der Wirtschaft widerspiegelt.“
Der Ökonom Kirill Rodionow sieht die schwache Senkung des Leitzinses als Lösung eines Dilemmas, in das die Zentralbank geraten ist. Einerseits könne die Zentralbank wegen der erhöhten Inflationsrisiken durch die Lockerung der Fiskalpolitik die Leitzinsen zwar nicht schnell senken. Andererseits habe sie aber auch die Forderungen nach Leitzinssenkungen, die bei einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin formuliert wurden, nicht ignorieren können. „Die Risiken eines weiteren Anstiegs des Haushaltsdefizits werden die Aufgabe der Zentralbank in jedem Fall zusätzlich erschweren“, betont Rodionow.
Laut Sofia Donets, Chefökonomin bei T-Investments, ist die geringe Zinssenkung ein Zeichen dafür, dass sich der „Konservatismus“ der Zentralbank verhärtet habe. Wenn dieses langsame Tempo der Leitzinssenkungen bis zum Jahresende anhalte, werde der Leitzins 2026 über 13% bleiben.
Nach Einschätzung der Investmentplattform InvestFuture liegt das wichtigste Signal der Zentralbank in ihren Aussagen zum Haushaltsdefizit verborgen. Die Währungshüter hätten bereits im April eine rote Linie gezogen: Sollte das Finanzministerium weiterhin die Nachfrage durch Ausgaben stützen, müsste die Zentralbank das hohe Leitzinsniveau beibehalten, so die Analysten von InvestFuture.
Wachsende Budget-Sorgen
In ihrem Basisszenario ging die Zentralbank davon aus, dass die russische Haushaltspolitik mittelfristig zur Inflationsverlangsamung beitragen wird. „Allerdings fordert die Beibehaltung des strukturellen Haushaltsdefizits bis 2029 eine strengere Geldpolitik als im Basisszenario vorgesehen“, erklären die Währungshüter mit Blick auf künftige Leitzinsentscheide. In ihrer April-Prognose legte die Zentralbank den durchschnittlichen Leitzins auf 14–14,5% fest.
Bereits im Vorfeld verwies die Zentralbank auf das Staatsdefizit als Argument gegen eine schnelle Senkung. Das Haushaltsminus betrug in den ersten fünf Monaten 6 Bio. Rubel (71,7 Mrd. Euro), bei einem eingeplanten Wert für das Gesamtjahr von 3,77 Bio. Rubel (45 Mrd. Euro). Finanzminister Anton Siluanow räumte inzwischen ein, dass ein ausgeglichener Haushalt statt im kommenden Jahr erst 2029 zu erwarten sei. Getrieben wird das Defizit von den hohen Staatsausgaben.
Quelle: Russ. Zentralbank 1, 2, RSPP, Vedomosti 1, 2, Interfax, RBC, T-Bank, Finam (alle RU), EABR (EN), ifo Institut, DIW Berlin, Kieler Institut, EDB (EN)
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