Zu wenig Kinder, zu viele Tote: Russlands Demografie-Problem

Die Zahl der Sterbefälle übersteigt die der Geburten in Russland seit 2015, als es zum letzten Mal ein kleines plus von 30.000 gab. Die aktuelle Geburtenflaute ist auch eine Folge der niedrigen Geburtenraten der 1990er Jahre, deren zahlenmäßig schwache Jahrgänge heute selbst im gebärfähigen Alter sind. Im vergangenen Jahr lag die Gesamtfruchtbarkeitsrate, die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau, im Riesenreich bei nur 1,37, nach 1,41 im Jahr 2024. Damit liegt sie deutlich unter der Marke von 2,1 Kindern, die nötig sind, um eine Bevölkerung auf dem gleichen Niveau zu erhalten. Zum letzten Mal lag die Rate zum Ende der Sowjetunion 1989 bei mehr als 2,1. In den 1990er Jahren sank die Rate auf ein Minimum von 1,16 im Jahr 1999.

In den folgenden Jahren stieg der Wert und erreichte 2015 mit 1,78 einen postsowjetischen Rekord. Seitdem ist die Geburtenrate kontinuierlich gesunken. Während 2016 noch knapp 1,89 Mio. Kinder geboren wurden, sank diese Zahl bis 2024 auf nur 1,22 Mio. – der niedrigste Wert seit 1999. „Das Durchschnittsalter für das erste Kind liegt in Russland mittlerweile bei über 25. In Moskau ist es sogar noch höher, bei 29“, kommentiert Natalia Subarewitsch, Professorin an der Moskauer Staatlichen Universität, einen der Gründe für die sinkende Kinderzahl, „es hat sich ein anderes Geburtenmodell entwickelt. Man macht erst einen Abschluss, fängt an zu arbeiten, regelt seine Finanzen, baut seine Karriere und bekommt dann ein Kind“.

Umfragen zeigen Wunsch und Wirklichkeit

Die Daten des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM zeigen eine auffällige Diskrepanz zwischen Vorstellungen und Verhalten der Russen. In einer landesweiten Umfrage gaben 50% der Befragten an, die „ideale Familie“ sei kinderreich. Davon nannten 40% drei Kinder, 8% vier bis fünf Kinder und 2% sechs oder mehr als Ziel. Weitere 38% hielten zwei Kinder für ideal. Kinderlosigkeit oder ein einzelnes Kind spielten in diesem Idealbild nur eine marginale Rolle.

Jedoch gibt es Generationenunterschiede. Ältere und mittlere Kohorten orientieren sich häufiger am Modell der kinderreichen Familie. Jüngere Befragte nennen deutlich öfter zwei Kinder als Ziel, und unter den sogenannten Zoomern, geboren zwischen 1997 und 2012, geben 22% an, eine kinderlose Familie zu wollen, weitere 9% nennen ein Kind als Wunsch.

Laut WZIOM wollen 88% der jungen Russinnen grundsätzlich Mutter werden. In der Wunschverteilung entfallen 12% auf ein Kind, 39% auf zwei Kinder und 28% auf drei Kinder. In der statistischen Realität bleibt es jedoch häufig bei einem oder zwei Kindern. Finanzielle Unsicherheit und Wohnraummangel werden in Befragungen als Gründe genannt.

Pandemie als Brandbeschleuniger: Millionen-Minus

Die COVID-19-Pandemie traf Russland in einer Phase bereits sinkender Geburtenzahlen. Die Folgen schlugen sich besonders deutlich in den Jahren 2020 und 2021 nieder. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde Rosstat starben 2021 rund 2,44 Mio. Menschen, etwa 15% mehr als 2020, und so viele wie nie zuvor in der postsowjetischen Geschichte. Gleichzeitig wurden nur etwa 1,4 Mio. Kinder geboren. Das natürliche Bevölkerungsdefizit belief sich damit zum ersten Mal auf über eine Millionen Menschen innerhalb eines einzigen Jahres.

Im Jahr 2022 registrierte Rosstat rund 1,3 Mio. Geburten und etwa 1,9 Mio. Todesfälle, was einem weiteren Defizit von 600.000 Menschen entsprach. Ein Teil der Männer im zeugungsfähigen Alter steht seit der Mobilisierung 2022 nicht mehr dem zivilen Leben zur Verfügung, zugleich wirkt sich die erhöhte Sterberate durch Verluste an der Front negativ auf die Bevölkerungsbilanz aus. 2023 setzte sich der Trend fort: Die Zahl der Todesfälle sank zwar auf rund 1,76 Mio., blieb damit aber deutlich über dem Vorkrisenniveau der 2010er Jahre. Gleichzeitig fielen die Geburten weiter auf etwa 1,26 Mio. Das Minus lag bei rund 500 000 – ähnlich sind die Zahlen für 2024.

Graue Gesellschaften in West und Ost

Russland steht mit diesen negativen demografischen Entwicklungen nicht allein. Auch Deutschland und andere europäische Staaten verzeichnen seit Jahrzehnten mehr Sterbefälle als Geburten. In Deutschland wird seit 1972 mehr gestorben als geboren. Der Anteil der über 65-Jährigen Deutschen lag 2024 bei rund 22%, in Russland bei etwa 16%. Die Geburtenrate in Deutschland lag ungefähr auf dem gleichen Level wie in Russland. Das Statistische Bundesamt gibt einen Wert von 1,35 an.

Langfristige UN-Prognosen zeigen in beiden Ländern eine ähnliche Richtung. Bis 2050 wird für Russland ein Rückgang der Bevölkerung von derzeit rund 146 Mio. auf etwa 133 bis 138 Mio. Einwohner erwartet. Für Deutschland reichen die Projektionen, abhängig von Migration, von 73 bis 80 Mio. In beiden Fällen steigt der Anteil älterer Menschen deutlich, während die Erwerbsbevölkerung schrumpft.

Für die Mitte der 2030er Jahre wird für Russland prognostiziert, dass die Geburtenzahlen steigen werden, da dann vergleichsweise stärker besetzte Jahrgänge aus den 2010er Jahren ins gebärfähige Alter kommen. Gleichzeitig sinkt jedoch die Gesamtzahl der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren weiter: von 34,2 Mio. im Jahr 2024 auf voraussichtlich 27,4 Millionen im Jahr 2046. 

Quellen: WZIOM,74.ruTinkoff JournalKommersantTASS (alle RU) bpbZDFdestatis (alle DE)

ℹ️ Auch interessant

06.02.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Steuerreform 2026: Höhere Mehrwertsteuer, mehr Sozialabgaben, Mittelständler besonders belastet

Nächster Beitrag

Russische Analysten und deutsche Institute erwarten anhaltend schwaches Wachstum in Russland

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку