Östliches Wirtschaftsforum 2026: Zitate und Ergebnisse

Beim diesjährigen Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok vom 1. bis 4. September haben russische Spitzenpolitiker und Wirtschaftsvertreter die aktuelle wirtschaftliche Entwicklung samt Benzinkrise und Erlass Nr. 604 zur Sicherheit kritischer Infrastruktur kommentiert. Wir haben für Sie die wichtigsten Aussagen zusammengefasst.

WIRTSCHAFT UND FINANZEN

Maxim Reschetnikow, Wirtschaftsminister

„Unsere Wirtschaft ist längst nicht mehr rohstoffbasiert; sie ist seit Langem ein sehr komplexer Mechanismus, denn keine rohstoffbasierte Wirtschaft hätte diesen zehntausenden Sanktionen standhalten können. Wir haben eine komplexe Wirtschaft. Die vorhandene Rohstoffkomponente ist erstens hochgradig diversifiziert. Zweitens ist sie äußerst effizient; andernfalls wären wir angesichts der Sanktionen und anderer Faktoren längst zum Nachzügler auf dem Markt geworden, mit den höchsten Produktionskosten, längst vom Markt verdrängt und unfähig zu exportieren. Wir widerstehen all diesem Druck“. / Tass (RU)

„Die aktuelle wirtschaftliche Abkühlung ist im Allgemeinen eine natürliche Phase des Konjunkturzyklus, da die Wirtschaft zyklischen Schwankungen unterliegt. Die vorherige Phase war durch ein rasantes Wachstum gekennzeichnet, das als Nebenwirkung zu steigender Inflation führte. Die Fokussierung auf die Inflationsbekämpfung hat offensichtlich zu einer natürlichen Kreditverknappung, steigenden Zinsen und einem verlangsamten Wachstum geführt, was von einer normalen Natur unserer Wirtschaft zeugt“./ Tass (RU)

„Der nächste Investitionszyklus wird sich auch hinsichtlich der Investitionsstruktur unterscheiden“. Reschetnikow merkte an, dass die Investitionen zuvor vor allem in die Öl- und Gasindustrie flossen, nun aber in den Flugzeugbau, den Schiffbau und die Telekommunikationsausrüstung. „Unsere Investitionen […] müssen weiter wachsen“. / Tass (RU)

Grundlagen des zukünftigen Wirtschaftsmodells Russlands: „Erstens sind die Aufrechterhaltung der makroökonomischen Stabilität und die Normalisierung des Haushaltsdefizits unerlässlich für die Senkung der Zinssätze. Ohne dies wird die Einleitung eines neuen Investitionszyklus schwierig. Zweitens müssen wir das Geschäftsklima und das institutionelle Umfeld verbessern, Unternehmertum fördern und den Wettbewerb stärken. Drittens müssen wir die Förderung neuer Technologien und Innovationen, einschließlich der Plattformökonomie und KI, sowie flexible Beschäftigungsformen maximieren. Und insgesamt benötigen wir eine Regulierung, die dazu beiträgt, alle verfügbaren Ressourcen, ob Arbeitskräfte, Sachanlagen, Energiekapazitäten usw., optimal zu nutzen“. / RBC (RU)

01 DE (3).png

German Gref, Vorstandsvorsitzender der Sberbank

„Die Zentralbank spricht von einer allmählichen Abschwächung [der Wirtschaft], wir sprechen jedoch von einer Abkühlung, ja sogar von Unterkühlung. Die Zahlen sprechen für sich. […] Wir sehen, dass die Indikatoren für das Geschäftsklima in diesem Jahr auf ein Rekordtief gefallen sind: minus 3,6 Punkte. Solche Werte haben wir seit dem Frühjahr 2022 nicht mehr beobachtet“. / Tass (RU)

„Einen Wendepunkt werden wir erst sehen, wenn sich die Marktzinsen normalisiert haben und im Bereich von 10-12% liegen. Die Rückkehr zu einem solchen normalisierten Niveau ist meiner Ansicht nach die zentrale Aufgabe für die Erneuerung und Stabilisierung des Wirtschaftswachstums. Ich bin überzeugt, dass heute jeder die makroökonomischen Bedingungen im Blick behalten muss; die Wirtschaft braucht Unterstützung“. / RBC (RU)

ERLASS ZUR SICHERHEIT KRITISCHER INFRASTRUKTUR

Wladimir Putin, russischer Präsident

„Hier geht es nicht um irgendwelche Verstaatlichungspläne. Der Staat hatte keinerlei Absicht, irgendetwas zu verstaatlichen. Wir haben unsere Kollegen, in diesem Fall aus dem Öl- und Gassektor, gebeten, den Schutz ihrer Unternehmen sicherzustellen. […] Sie investieren ihr eigenes Geld in die Anschaffung der notwendigen Ausrüstung und die Ausbildung von Fachkräften, um ihre Unternehmen zu schützen. Dies, und nur dies, ist Sinn und Zweck des Erlasses“. / Tass (RU)

Alexander Nowak, Vizepremier für Energiesektor und Wirtschaftsförderung

„Der Erlass […] soll präventiv erneut Anreize für Unternehmen schaffen, sich aktiver am kontinuierlichen Schutz ihrer Anlagen zu beteiligen“. / Tass (RU)

Denis Manturow, erster Vizepremier

„Bis jetzt gab es noch keinen Übernahmefall. […] Ich hoffe sehr, dass alle verstehen, was zu tun ist. Ich hoffe wirklich, dass es nicht durchgesetzt werden muss. Der Erlass soll nicht dazu benutzt werden, morgen jemandem etwas wegzunehmen. Niemand hat dieses Ziel. […] Sollte es zu Schäden kommen, werden wir jede einzelne Branche und jedes einzelne Unternehmen gesondert bestimmen“. / Tass (RU)

KRAFTSTOFFKRISE

Alexander Nowak, Vizepremier für Energiesektor und Wirtschaftsförderung

„Unser Inlandsmarkt ist derzeit vollständig mit Diesel und Kerosin versorgt. Was Motorenbenzin betrifft: AI-92, 95, 98, verschiedene Sorten, hier besteht aktuell tatsächlich ein geringer Mangel, es kommt zu bestimmten Störungen. […] Wir arbeiten mit Unternehmen zusammen, um zusätzliches Benzin aus befreundeten Ländern, aus Nachbarländern und aus anderen Ländern zu beziehen. Die ersten Lieferungen haben bereits begonnen und tragen zur Versorgung des Marktes bei. Daher werden alle erforderlichen Maßnahmen fortgesetzt, um ein Gleichgewicht auf dem Markt zu gewährleisten“. / Tass (RU)

„Wir beobachten aktuell einen partiellen Rückgang der Produktionsmengen im Vergleich zu den Prognosen, was unter anderem auf die Unterauslastung der Ölraffinerien aufgrund ungeplanter Wartungsarbeiten zurückzuführen ist. […] Aktuell werden rund 10% unserer Anlagen gewartet […]. Dies verursacht erhebliche Kosten für Raffinerien und Energieanlagen. Es lohnt sich jedoch, da Stillstände in den Raffinerien, sollten diese abgeschaltet werden, zu erheblichen Verlusten für die Unternehmen führen“. / Tass (RU)

Andrej Nikitin, Verkehrsminister

„Es gibt bestimmte Schwierigkeiten, und diese kann es auch in Zukunft geben. Dank der koordinierten Zusammenarbeit zwischen dem Verkehrsministerium und dem Energieministerium werden diese Probleme jedoch umgehend gelöst. Die Fluggesellschaften werden mit Treibstoff versorgt“. / RBC (RU)

Wladimir Putin, russischer Präsident

„Es gibt zwei Wege, die Treibstoffknappheit zu bekämpfen. Der eine ist die Entwicklung der Luftverteidigung. Das ist unbestreitbar. Der zweite Weg ist ein Vergeltungsschlag, um sie davon abzuhalten, uns zu schaden. Das ist alles“. / RIA Nowosti (RU)

INDUSTRIE

Anton Alichanow, Minister für Industrie und Handel

„Zum heutigen Stand haben wir für alle 13 stillgelegten Standorte [von ausländischen Investoren aufgegebene Automobilwerke] neue Partner gefunden. Die Kontrolle über die russischen Begünstigten bleibt erhalten, während die dort entwickelten Technologien und Rechte an den Konstruktionsunterlagen in Russland verbleiben. […] Investoren haben bereits rund 120 Mrd. Rubel (1,19 Mrd. Euro) in den Kapazitätsausbau investiert, und bis zum Abschluss der speziellen Investitionsverträge wird sich dieser Betrag verdreifachen. Darüber hinaus haben wir seit 2022 die Entwicklung von Komponenten im Wert von über 125 Mrd. Rubel (1,24 Mrd. Euro) gefördert. Dadurch wird fast die Hälfte der 700 kritischen Bauteile bereits produziert“. / RBC (RU)

03 DE (2).png

INVESTITIONSKLIMA

Wladimir Putin, russischer Präsident

„Wir schätzen auch die Beteiligung ausländischer Partner und Investoren sehr, die Kapital und Technologie in Entwicklungsprojekte investieren, nicht nur im Fernen Osten und in der Arktis, sondern in ganz Russland“. / Kremlin.ru (RU) 

„Es ist wichtig, weiterhin günstige und vorhersagbare Bedingungen für Investoren zu schaffen, die sich an den Bedürfnissen der Unternehmer und der Regionen orientieren und mit den nationalen Interessen Russlands im Einklang stehen. In diesem Zusammenhang möchte ich der neuen Legislaturperiode der Staatsduma der Russischen Föderation, die im September neu gewählt wird, eine Art Initiative vorschlagen. Ich zähle auf eine aktive Haltung der Abgeordneten und ihre erfolgreiche parlamentarische Arbeit, um das Geschäftsklima weiter zu verbessern“. / Tass (RU)

02 DE (2).png

PARALLELIMPORT

Anton Alichanow, Minister für Industrie und Handel

„Das Volumen der Parallelimporte könnte im Jahr 2026 insgesamt 20,5 Mrd. US-Dollar erreichen. [Zum Vergleich: Ende 2025 lag das Volumen bei über 23,1 Mrd. US-Dollar.] Wie wir bereits mehrfach betont haben, ist der Rückgang der Parallelimporte ein natürlicher Trend und hängt unter anderem mit der Entwicklung der heimischen Produktion und der Substitution von Produkten aus unfreundlichen Ländern durch ähnliche Produkte aus befreundeten Ländern zusammen“. / Tass (RU)

KLEINE UND MITTELSTÄNDISCHE UNTERNEHMEN

Wladimir Putin, russischer Präsident

„Kleine und mittelständische Unternehmen benötigen in erster Linie Stabilität und Sicherheit für eine nachhaltige Entwicklung. […] Die Regierung handelt nicht immer so. Möglicherweise erleben wir bestimmte Veränderungen zu häufig, nicht nur bei der Steuerbasis, sondern auch bei der gesamten Steuerbelastung. Kleine Unternehmen machen uns immer wieder darauf aufmerksam. […] Die Regierung muss dies ebenfalls berücksichtigen und daran arbeiten. […] Wir werden weiterhin nach neuen und effektiven Instrumenten zur Unterstützung suchen“. / Tass (RU)

ZUKÜNFTIGE PROJEKTE

Wladimir Putin, russischer Präsident

„Ab dem 1. Januar des nächsten Jahres tritt im Fernen Osten und der Arktis ein einheitliches Präferenzregime in Kraft. Die Förderinstrumente sind nicht mehr an bestimmte Sonderzonen oder vorrangige Entwicklungsgebiete gebunden, sondern werden gezielt und effektiv auf Aktivitäten in der gesamten Fernost-Region zugeschnitten. Investitionsprojekte im Fernen Osten und der Arktis profitieren somit von einem umfassenden Angebot an Fördermaßnahmen, darunter reduzierte Sozialversicherungsbeiträge, Steuer- und Zollvergünstigungen, Unterstützung beim Infrastrukturausbau, Bau von Industrieanlagen und vieles mehr“. / Kremlin.ru (RU)

Alexej Tschekunkow, Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis

„Die Entwicklung des Transarktischen Transportkorridors (TTK) ist zum heutigen Tag der wichtigste Bereich für den gesamten russischen Verkehrssektor. Alle zukünftigen großen Infrastrukturprojekte werden in irgendeiner Form mit dem TTK verknüpft sein, da es sich nicht nur um eine Route von Kaliningrad und Murmansk nach Wladiwostok und Schanghai handelt, sondern um eine vollwertige Verkehrsader vom Atlantik zum Pazifik. Die Gesamtinvestitionen in Rohstoffprojekte in der russischen Arktis werden 30 Bio. Rubel (298,3 Mrd. Euro) übersteigen“. / Tass (RU) 

04 DE (2).png

DIGITALER RUBEL

Andrej Kostin, Vorstandsvorsitzender der VTB Bank

„Der digitale Rubel wird, wie alle modernen Technologien, einschließlich Internet und Mobiltelefone, schrittweise in den Umlauf kommen. Wir müssen uns daran gewöhnen. […] Es gibt gewisse Vorteile, darunter Transparenz. […] Man sollte sich keine Sorgen darum machen, dass irgendjemand einen ausspionieren will. Es geht vor allem um Transparenz für den Einzelnen selbst, für den Kunden“. / Tass (RU)

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ

German Gref, Vorstandsvorsitzender der Sberbank

„Der Einfluss [künstlicher Intelligenz] wird allmählich zunehmen und bis 2030 schätzungsweise 1% des BIP erreichen, danach jährlich etwa 0,5%. Keine Technologie hatte je einen so dramatischen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung. […] In den nächsten drei bis vier Jahren werden wir ein explosionsartiges Wachstum und tiefgreifende Veränderungen in allem erleben, woran wir uns gewöhnt haben. Man muss die Menschen darauf vorbereiten“. / Tass (RU)

ÖSTLICHES WIRTSCHAFTSFORUM (ÖWF)

Das jährliche Östliche Wirtschaftsforum (ÖWF) findet seit 2015 in Wladiwostok an der Fernöstlichen Föderalen Universität auf der Insel Russkij statt. Ein einziges Mal fand das Forum nicht statt, und zwar 2020 aufgrund der COVID-19-Pandemie. Ziel des Forums ist es, eine beschleunigte wirtschaftliche Entwicklung des russischen Fernen Ostens zu fördern und dessen Potenzial durch Expertenanalysen zu bewerten, die internationale Zusammenarbeit im asiatisch-pazifischen Raum auszubauen sowie die Investitionsattraktivität der Region zu steigern und zu präsentieren.

Vorbereitet wird das Forum durch das Organisationskomitee unter der Leitung von Jurij Trutnew, stellvertretender Ministerpräsident der Russischen Föderation und Bevollmächtigter Vertreter des russischen Präsidenten im Föderationskreis Ferner Osten.

Am Östlichen Wirtschaftsforum 2026 nahmen 9300 Personen aus 78 Ländern teil, darunter 2400 Vertreter russischer und ausländischer Unternehmen, die mehr als 1050 Firmen repräsentierten. Insgesamt wurden 328 Abkommen, Verträge und Fahrpläne unterzeichnet. Der Gesamtwert der unterzeichneten Dokumente beläuft sich auf 6,814 Bio. Rubel (68,8 Mrd. Euro).

05 DE.png

Bedeutendste Geschäftsabschlüsse 2026:

  • Russlands größter Halbleiterkomplex wird in Primorje entstehen. Das Ministerium für Industrie und Handel, das Ministerium für die Entwicklung des russischen Fernen Ostens, die Regionalregierung und die IKS Holding unterzeichneten ein Kooperationsabkommen für das Investitionsprojekt.
  • Rosatom und die Fernost- und Arktis-Entwicklungsgesellschaft haben ein Kooperationsabkommen zur Umsetzung von Projekten zur Entwicklung der russischen Arktiszone und des Transarktischen Transportkorridors unterzeichnet. Im Fokus der Parteien: die Ausarbeitung eines Eisbrecher-Transportmodells und die Entwicklung der Nordostpassage.
  • Die AO „Tiefwasserhafen Archangelsk“ und die Fernost- und Arktis-Entwicklungsgesellschaft planen den Bau eines Tiefwasserbereichs im Seehafen Archangelsk. Das Projekt umfasst die Schaffung einer modernen Hafeninfrastruktur, die die Rolle der Region bei der Abwicklung von Güterströmen zu nördlichen Zielen stärken soll.
  • Rosatom und die TOO „Kasachische Atomkraftwerke“ haben einen Vertrag über die schlüsselfertige Errichtung des Kernkraftwerks Balchasch im Gebiet Almaty in Kasachstan unterzeichnet.
  • Die Republik Sacha (Jakutien), die Fernost- und Arktis-Entwicklungsgesellschaft und die Entwicklungsgesellschaft für die Republik Sacha haben ein Kooperationsabkommen zur Umsetzung des internationalen Transportkorridorprojekts Mohe–Naiba unterzeichnet. Ziel des Projekts ist die Schaffung einer Transport- und Logistikinfrastruktur in Jakutien, die die Volksrepublik China über die Amur-Region mit der Republik verbinden wird.
  • Die Fernost- und Arktis-Entwicklungsgesellschaft, die AO WIS und die AO Wachstumskristall haben eine Vereinbarung zur Einrichtung eines Investitionsmechanismus für die Umsetzung des arktischen und transarktischen Transportkorridor unterzeichnet. Ziel der Vereinbarung ist es, die Bemühungen der Parteien zu bündeln, um Investitionen in Projekte zur Entwicklung der Transport-, Hafen-, Logistik- und sonstigen Infrastruktur in der russischen Arktis zu gewinnen. 

Quellen: ÖWF, Kommersant 1, 2 (alle RU)


ℹ️ Auch interessant


08.09.2026

War dieser Beitrag für Sie hilfreich?

Bewerten Sie diesen Beitrag von 1 bis 5, wobei 5 "sehr gut" bedeutet.

Vorheriger Beitrag

Industrieroboter: Russlands Aufholbedarf wird größer

Nächster Beitrag

Zinspause? Russlands Zentralbank zwischen Inflationsschub und Konjunkturflaute

Unser Telegram-Kanal

Bleiben Sie auf dem Laufenden mit unserem Telegram-Kanal

Возврат к списку