Leitzins-Senkung angesichts schwacher Wachstumsaussichten

Die russischen Währungshüter setzten am vergangenen Freitag ihren Lockerungskurs entgegen den Erwartungen russischer und internationaler Ökonomen fort, von denen viele von einer Zinspause ausgegangen waren. Die Leitzins-Senkung von 16% auf 15,5% war seit Juni 2025 – damals betrug der Wert rekordhohe 21% – die sechste in Folge. Gleichzeitig zeichnet sich am Horizont bereits deutlich ein schwächeres Wirtschaftswachstum als in den Vorjahren ab. Die russische Regierung rechnet in diesem Jahr mit einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts Russlands von 1,3%, nach Wachstumsraten oberhalb von 4% in den Jahren 2023 und 2024. Ähnlich sieht es die Zentralbank: Laut ihrer mittelfristigen Prognose liegt Russlands BIP-Wachstum für dieses Jahr in der Spanne zwischen 0,5% und 1,5%.

Ökonomen warnen vor „Inflationsspirale“

Laut Zentralbank wird der durchschnittliche Leitzins im Jahr 2026 bei 13,5% bis 14,5% liegen, was „eine Beibehaltung der restriktiven Geldpolitik“ bedeutet. Einige Experten verweisen darauf, dass hohe Inflationserwartungen seitens der Bevölkerung und Unternehmen die Zentralbank daran hindern, größere Leitzinssenkungen vorzunehmen. Im Januar 2026 lag die Inflationserwartung bei 13,7%, der höchste Wert seit Februar 2025.

Der Blick in den eigenen Warenkorb verrät dem Verbraucher oft mehr als offizielle Statistiken. Hohe Inflationserwartungen werden zur Realität, weil die Furcht vor steigenden Preisen den Verbraucher dazu treibt, mehr Geld auszugeben. Dies heizt sowohl Nachfrage als auch Preise an – und beschleunigt die Inflation. Unter diesen Bedingungen könnten überstürzte Leitzins-Senkungen selbst zum Inflationstreiber werden, warnt Wladimir Tschernow, Analyst bei der internationalen Investment- und Finanzholding Freedom Finance Global.

„Vorübergehender“ Inflationsanstieg

Seit Januar hat sich die jährliche Inflationsrate in Russland von 5,6% auf 6,3% beschleunigt. Die russischen Währungshüter halten den Inflationsanstieg für „vorübergehend“ und begründen die Entwicklung mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 20% auf 22% und einiger Verbrauchssteuern sowie Preiserhöhungen für Obst und Gemüse. Nach Einschätzung der Zentralbank kam es zu einer Art „Verschiebung der Inflation“ vom Dezember 2025 ins Jahr 2026. Im Jahresdurchschnitt 2026 wird die Inflationsrate von 8,7% im Jahr 2025 auf 5,1% bis 5,6% sinken, so die Prognose. Die Währungshüter wollen das Inflationsziel von 4,0% ab 2027 erreichen. Das Forschungsinstitut der staatlichen Entwicklungsbank VEB schätzt den Anstieg der Verbraucherpreise in der Woche zum 9. Februar auf 6,4%.

Ölpreisprognose nach unten korrigiert

Die russische Zentralbank hat angesichts der globalen Marktentwicklung auch ihre Ölpreisprognose angepasst. Demnach wird der für steuerliche Zwecke von der russischen Regierung berechnete Ölpreis von 56 US-Dollar je Barrel im Jahr 2025 auf 45 US-Dollar im Jahr 2026 sinken. Die russische Zentralbank-Chefin Elwira Nabiullina (im Bild) erklärte im Anschluss an die Leitzinssitzung vom Freitag: „Im vergangenen Jahr stieg das Ölangebot sprunghaft an, was zu einem Überschuss auf dem Weltmarkt führte und nun die Preise unter Druck setzt. Die Situation für die russischen Exporteure wird durch die Sanktionen zusätzlich erschwert.“

Der Überschuss in der russischen Leistungsbilanz wird laut der Prognose der Zentralbank bei dieser Ölpreisentwicklung von 41 Mrd. US-Dollar im Jahr 2025 auf nur noch 10 Mrd. US-Dollar im Jahr 2026 sinken. 2027 rechnet die Zentralbank mit einem Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses auf 25 Mrd. US-Dollar.

Der Rückgang der Exporterlöse war insbesondere auf die niedrigeren Ölpreise zurückzuführen. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) lag der durchschnittliche Exportpreis für russisches Rohöl im vergangenen Jahr bei rund 56 US-Dollar pro Barrel, ein Rückgang um 18% gegenüber 2024. Die IEA schätzt, dass das Volumen der Ölexporte um etwa 1% zurückgegangen ist.

Minus bei Exporterlösen

Ferner erklärte Nabiullina: „Der Rubelkurs blieb stabil. Der Rückgang der Exporterlöse der Ölproduzenten wurde teilweise durch Einnahmen aus anderen Exporten kompensiert. Der Rubel bleibt insgesamt attraktiv, was durch die Fiskalregeln und eine solide Geldpolitik gestützt wird.“

Dieser Darstellung widersprechen die Analysten der Frankfurter DekaBank, des Wertpapierhauses der deutschen Sparkassen. Andere Einnahmequellen konnten den Wegfall der Öleinnahmen nicht kompensieren, sodass das Budgetdefizit bei 2,6% gelegen haben dürfte, schlussfolgert die Frankfurter DekaBank. Wörtlich heißt es: „Die Einnahmen von der Öl- und Gasindustrie sind wegen Sanktionen und des niedrigen Ölpreisniveaus 2025 um 23,8% gegenüber Vorjahr gesunken und machen nur noch knapp 23% der Gesamtstaatseinnahmen aus – das niedrigste Niveau seit über 20 Jahren.“ 

Quellen: Ostwirtschaft.deRuss. ZentralbankFrank MediaIzvestia (alle RU), BOFIT (EN), DekaBank


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17.02.2026

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